„Niemand wurde bewertet, alle bekamen Applaus“: Eindrücke vom Barcamp YOUR HISTORY 2018

Ich habe das Barcamp gemeinsam mit Teilnehmer*innen unseres Projekts „mach dich zum Profi! Qualifizierungsprogramm für die historisch-politische Bildung“ besucht. Im Rahmen dieses Projekts haben wir junge Menschen mit und ohne Migrations- und Fluchterfahrung für die (historisch)-politische Bildungsarbeit der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt ausgebildet.

Jetzt ist das Barcamp schon einige Zeit her und der Alltag hat uns wieder fest im Griff. Wenn ich daran zurückdenke, kommen mir viele unterschiedliche Eindrücke, Impulse, Begegnungen und Gespräche in den Sinn, die sich unmöglich zusammenfassen lassen.

Eine Session ist mir aber besonders in Erinnerung geblieben. Zwei unserer Teilnehmerinnen, Sanna Hübsch und Siham Karimi, haben einen Poetry-Workshop mit dem Titel „Gedichte und Migration“ angeboten.

Es hieß also, kreativ zu werden und für einen Moment alle anderen Zugänge zu dem Thema Migration und Erinnerungskultur auszuschalten – hier war nicht der Ort für Fachdiskussionen und wissenschaftliche Erkenntnisse oder für einen Austausch über die politische Bildungsarbeit.

Stattdessen bot die Session eine Möglichkeit, den eigenen, persönlichen Zugang zu Erinnerung und Migration in den Fokus zu rücken. Einen Raum zu schaffen, in dem persönliche Bezüge geteilt und in künstlerischer Form dargestellt werden – selbst auf dem Barcamp, bei dem die unterschiedlichsten Sessions angeboten wurden, war das eher eine Ausnahme.

Der erste Schritt bestand darin, dass alle für sich ihre persönlichen Assoziationen zu den Begriffen Heimat, Migration  und Erinnerung sammelten. Aus einer Auswahl dieser Assoziationen bildeten wir dann Sätze – und schon hatten alle ein Gedicht geschrieben. Länge und Form spielten dabei keine Rolle, somit blieben die schmerzhaften Erinnerungen an den Deutschunterricht komplett aus.

Die Resultate waren beeindruckend und berührend. Durch das Teilen der Gedichte waren plötzlich so viele persönliche Geschichten, Gefühle und Erinnerungen im Raum, die alle Anerkennung und Wertschätzung erfuhren; die nicht analysiert und diskutiert wurden sondern einfach so, wie sie waren, stehen bleiben durften. Die Form und der Inhalt der Gedichte waren so unterschiedlich wie die Menschen im Raum, und so ergaben sich verschiedene Perspektiven auf das Thema, die sich gegenseitig bereicherten und ergänzten. Niemand wurde bewertet, alle bekamen Applaus. Und am Ende der Session hatte ich das Gefühl, etwas Besonderes geteilt zu haben.

Aylin Kortel – Mitarbeiterin im pädagogischen Team des Bildungsstätte Anne Frank e.V. – Zentrum für politische Bildung und Beratung Hessen

Romane Krla – Roma History Matters!

Wir freuen uns, dass auch das Projekt Romane Krla als Teil des EVZ-Programms „Migration und Erinnerungskultur“ beim Barcamp YOUR HISTORY vertreten war.

Romane Krla, Roma-Stimmen in Romani Sprache, ist ein Projekt von Amaro Drom e. V., das junge Sinti und Roma in Roma-Geschichte, Erinnerung und Menschenrechten ausbilden und befähigen soll. Dabei ist der Völkermord an Sinti und Roma während des Nationalsozialismus und das Schicksal der Roma während des Zweiten Weltkrieges ein besonderes Anliegen.

Die Geschichte der Roma wurde geleugnet, unsichtbar gemacht oder sogar manipuliert. Sie stellt nur eine weitere Schicht der Unterdrückung und systematischen Diskriminierung dar, die unsere Community hunderte von Jahren durchgemacht hat. Mit der Idee, Roma-Erzählungen und -Stimmen in das Geschichtsspektrum einzubeziehen, begann das Projekt im Juni 2017. In diesen anderthalb Jahren hatten wir die Möglichkeit, mehrere Workshops zu veranstalten. Alle zwei Monate fanden Workshops in Berlin statt, bei denen wir die Möglichkeit hatten, mit Experten zusammenzuarbeiten, die Vorträge und praktisches Material zu Themen wie Roma-Geschichte, Verfolgung und Ermordung an Roma, Antiziganismus anboten.  Ziel war es, unseren Teilnehmenden Wissen, Kenntnisse und Fähigkeiten zur Verfügung zu stellen, um ihnen zu ermöglichen, Multiplikatoren der historischen Erinnerungsarbeit zu werden. Ein wichtiger Aspekt des Projekts ist es, Erfahrungen mit anderen Communities zu sammeln und auszutauschen. Auf diese Weise können wir Solidaritätsbündnisse aufbauen. Deshalb arbeiten wir auch zu Themen wie Antisemitismus oder Rassismus und Kolonialismus mit den jüdischen und schwarzen Communities. In insgesamt fünf verschiedenen Workshops hatten die Teilnehmenden neben historischen Daten, retrospektiven Übungen zu Geschichte und Arbeitsmethoden auch die Möglichkeit, didaktische und Workshop-Implementierungsfähigkeiten zu erlernen und auszuprobieren.

Der zweite Teil des Projekts bestand darin, lokale Veranstaltungen zu implementieren um die Themen, die wir in unserer Gruppe erarbeitet haben, zu vermitteln, Bewusstsein für unsere Geschichte und unser Gedächtnis zu schaffen, und die in der vorherigen Projektphase erworbenen Fähigkeiten und Kenntnisse in die Praxis umzusetzen. Die Teilnehmenden des Projekts Romane Krla organisierten sechs verschiedene Veranstaltungen in Berlin, Dresden, Frankfurt, Leipzig, Northeim und Wuppertal. Diese Veranstaltungen hatten unterschiedliche Formate, von Vorträgen und Diskussionen über Musik und Geschichte bis hin zu Meetings und Treffen zwischen den Generationen mit Rita Prigmore, einer Überlebenden des Holocaust der Roma und Verwandten.
Nachdem das Projekt abgeschlossen wird, wird sich die Gruppe in einem Pool von Referenten der Organisation anschließen, mit der Idee, weiterhin Aktivitäten durchzuführen, um das Bewusstsein für die Geschichte und Kultur der Roma zu schärfen und zur Bekämpfung des Rassismus beizutragen.

Wir freuen uns, Teil des Barcamps YOUR HISTORY gewesen zu sein. Wir  hatten viele Möglichkeiten, Erfahrungen auszutauschen, Allianzen aufzubauen und natürlich Spaß zu haben! Auf dem Barcamp haben wir den Dokumentarfilm “Ferner Traum” gezeigt, der von unserem Kollegen Nino Novakovic, der selbst einer der Protagonisten ist, präsentiert wurde. Thema des Films sind Junge Rom*nja in Niedersachen – Aufklärung, Sensibilisierung, Thema Roma und Sinti und Rassismus gegenüber Roma und Sinti.  Auf dem Barcamp schloss sich an den Film eine Diskussion an. Außerdem hat Emanuel Barica einen Comic-Workshop angeboten mit dem Thema: Was ist wichtig, um einen Comic zu gestalten, worauf muss man achten und wie kann man Comic als Methode in der Erinnerungsarbeit nutzen.

José Fernández – Romane Krla – Die Roma Stimmen,  Amaro Drom e.V.